Surreale Mode von Marc Jacobs prämiert
Wer bisher dachte, die Gothicszene wäre eher Impulsgeber als Nehmer, konnte sich auf der diesjährigen Berlin Fashion Week leicht vom Gegenteil überzeugen lassen: Marcus Schmidbauers Kollektion „Raspberry Cheesecake“ kreuzt beste EBM-Tugenden mit einem Aufschrei gegen das verstümmelte Wesen Mensch;
sehr zum Gefallen von Marc Jacobs.
Ein bisschen verhält es sich hierbei wie Kriegsfilm zu Anti-Kriegsfilm. Wer sich schon mal gewundert hat, warum wildeste Ballerei als Anti- bezeichnet wird, der verkennt, dass die Sehnsucht nach Frieden eine Absage an die Gewalt braucht. Diese wiederum muss als solche erst gekennzeichnet und explizit dargestellt werden.
Und wer fragt „was hat das alles mit mir zu tun?“, hat vielleicht nicht erkannt, dass Gothic-sein eine Haltung ausdrückt, in der sich die Sehnsucht vom Gebotenen (der Umgebung) abwendet. Ihre Entfaltung wird in Wege gezwängt, die widersprüchlich sind, ihrer Bestimmung aber nie entsagen. Wer Natürlichkeit – im wahren Sinne – fordert, muss dem industrialisierten Menschen Dominanz zeigen, indem er sich der Angst vor Passivität stellt, weil er sie angenommen und durchlebt hat.
Lack, Kunststoff und geometrische Schnitte umgeben den Menschen, der innerlich nach Leben sucht. Ein Kontrast, der nach Auflösung schreit. Ein bisschen so, wie der alltägliche Wahnsinn den Menschen konsumiert und entstellt zurücklässt. Wer das weiß und dazu steht, kann dem ganzen Spiel gelassen zuschauen. Wer den Schmerz nimmt, anstatt in hilflosen Gesten zu resignieren, hat mehr vom Leben. Auch wenn man das nicht gleich jedem auf die Nase binden muss – Schmidbauers surrealer Kollektion gelingt es, diese Erkenntnis auf den (selbst)darstellerischen Bereich der Mode zu übertragen.